Zelten im Swimmingpool

Nicht alles, was zu dauerhafter Wasserdichtheit führt, lässt sich nämlich in der recht simplen Wassersäulen-Messung darstellen: Hierbei wird lediglich der beschichtete Stoff einem Wasserdruck ausgesetzt, der dann der Anschaulichkeit wegen in mm-Wassersäule umgerechnet wird.

2.000 mm Wassersäule heißt also, dass das beschichtete Gewebe noch gerade dicht hält, wenn eine zwei Meter hohe Wassersäule darauf lastet. Es ist leicht zu erkennen, dass diese Messmethode mit der Outdoor-Wirklichkeit nicht viel zu tun hat – wer baut schon sein Zelt im gefüllten Swimmingpool auf?

Die Angabe der Wassersäule ist als erste Orientierung zweifellos wichtig – danach aber ermöglicht sie in erster Linie, die richtigen Fragen zu stellen! Fragen nach dem Zeltstoff, nach der Art der Beschichtung oder nach deren Verarbeitung zum Beispiel. Da wird`s dann wirklich technisch! Wem das zu sehr ins Detail geht, der sollte jetzt einfach schnell zum letzten Absatz springen.

Ausgangsmaterialien beim Bau von Leichtgewichtszelten sind Polyamid (Nylon) oder Polyester. Polyamid ist stabiler, dehnt sich aber stärker bei Nässe als Polyester. Zeltböden werden deshalb meist aus Polyamid, Außenzelte aus Polyester hergestellt.

Wird Polyamid im Außenzelt benutzt, dann meist als Ripstop- Version, da es dadurch  dehnungsärmer ist. Polyester hat eine bessere UV-Resistenz als Nylon – durch die Beschichtung kann sich das jedoch ins Gegenteil verkehren.

Beiden Geweben ist gemein, dass sie nicht dicht sind – das werden sie erst durch die Beschichtung, die dann allerdings, siehe das Beispiel UVResistenz, auch andere Eigenschaften des Basismaterials verändert.

Auch dünn kann stark sein

Wie der Name schon sagt, sind Gewebe Webwaren. Man kann dickere Fäden nutzen für ein Gewebe oder dünnere und diese kann man dichter oder weniger dicht miteinander verweben.

Die Maßeinheit für Fadenstärke ist Denier (D), die Fadendichte wird in Threads per Inch (T) gemessen. Stoffe mit starken Fäden und hoher Dichte (z.B. 70 D/240 T) sind außerordentlich robust, aber relativ schwer. Sie werden bevorzugt mit Polyurethan  beschichtet und meist für Zeltböden eingesetzt.

Stoffe aus besonders dünnen (bis 15 D), eng verwebten Nylonfäden haben jedoch ebenfalls eine hohe Weiterreißfestigkeit und können zudem schon unbeschichtet Wassersäulen von 600 – 800 mm aufweisen. Sie eignen sich damit perfekt als sehr leichtes  Außenzeltmaterial.

Wasserdichter Kleber

Bei qualitativ hochwertigen Zelten spielen für die Beschichtung nur zwei Materialien eine  Rolle: Polyurethan (PU) und Silikon (Si). Polyurethan füllt die Gewebezwischenräume des  Trägerstoffes aus, verklebt die Fäden miteinander und schafft so eine absolut dichte, aber  relativ starre Fläche, die im Neuzustand im Drucktester hohe Wassersäulen aufweist. In  der Regel wird dabei nur die Innenseite des Materials beschichtet.

Auf die Außenseite kommt eine herkömmliche Wasser abweisende DWR-Ausrüstung (Durable Water Repellency). Diese lässt mit der Zeit nach und der Oberstoff kann Nässe  aufnehmen. Mit einer Zeltimprägnierung kann jedoch der Abperleffekt des Außenstoffes immer wieder hergestellt werden.

Eine hohe Anfangsdichte der PUBeschichtung garantiert, dass während der Nutzung Abrieb und UVStrahlung die Wasserdichtheit des Zeltes nicht beeinträchtigen. PU ist übrigens nicht gleich PU. Eine besondere Gefahr für Polyurethan- Beschichtungen ist die Hydrolyse.

Dieser Begriff bezeichnet die Auflösung der Beschichtung durch Eindringen von Wasser in deren Molekularstruktur. Gute PU-Beschichtungen zeichnen sich immer auch durch eine hohe Hydrolyse-Resistenz aus und sind teurer als hydrolyseanfällige Beschichtungen.

Eine Sonderform der Verwendung von PU zum Abdichten von Zeltstoffen ist die Laminierung. Bei ultraleichten Zelten werden auch die Böden aus sehr dünnen, dicht gewebten Stoffen hergestellt. Um hier mit wenig Zusatzgewicht eine deutlich höhere Robustheit und dauerhafte Wasserdichtheit zu erreichen, werden dünne Folien aus thermoplastischem Polyurethan (TPU) vollflächig aufgeklebt. Selbst der Kleber fungiert dabei als „Wasserdichtheits-Verstärker“, denn geklebt wird mit klassischem PU.

Löcher einfach „Zureiben“

Silikon-Beschichtungen sind die Alternative zu Polyurethan. Silikon ist kein „Kleber“, im  Gegenteil: Wir kennen Silikon aus dem Baumarkt als ein Mittel, um bewegliche  Maschinenteile beweglich zu halten. Silikon ummantelt die Fäden und verklebt sie nicht.

Damit wird deren Flexibilität erhalten. Die bewegliche Fadenstruktur führt, gegenüber dem starren PU-beschichteten Gewebe, zu einer überlegenen Weiterreißfestigkeit. Bei Silikonbeschichtungen können kleine Durchstiche, die die Fasern nicht beschädigt haben,sogar „zugerieben“ werden.

Die Flexibilität der Fäden bewirkt jedoch auch, dass die Wassersäulenwerte nicht so hoch sind, da die Fäden durch den punktuell hohen Druck im Drucktester weggedrückt werden. In der Outdoor-Wirklichkeit tritt dieses Phänomen dagegen nicht auf: Auf Grund seiner guten UV-Resistenz wird Silikon nämlich auch außen aufgebracht.

Da es sehr glatt ist und dadurch einen hohen, dauerhaft haltbaren Abperleffekt (Spraywert) hat, entsteht auf dem Gewebe kein derart bedrohlicher Wasserdruck. Zugleich macht die äußere Silikonlage DWR-Ausrüstungen überflüssig und dient der Langlebigkeit des Gewebes.

Entdeckung der Langsamkeit

Gegenüber der Laminierung, die nur für Zeltböden Anwendung findet, haben Beschichtungen den Nachteil, dass man in der Fertigung nur schwer kontrollieren kann, wie gleichmäßig sie aufgebracht werden.

Deshalb entsteht eine qualitativ hochwertige Beschichtung immer durch das langsame Aufbringen mehrerer dünner Schichten. Nur so kann die Ungleichheit in den Höhen der  einzelnen Schichten zuverlässig nivelliert werden. Bei Silikon beschichteten Zelten werden  in der Regel innen zwei und außen eine extrem dünne Silikonlage aufgetragen.

Deutlich bessere Wassersäulen- Werte als mit diesem Qualitäts- Verfahren kann man mit einer preiswerten, dicken, schnell durchlaufenden PU-Einfach-Beschichtung erreichen. Diese wird jedoch nicht nur sehr ungleichmäßig sein, sie schwächt auch das Trägergewebeund damit das Zelt als Ganzes gravierend.

Wie kommt es zu dieser Schwächung? Das Problem ist nicht das Polyurethan selbst,  sondern die Hitze, die es zur Trocknung benötigt. Diese Hitze beschädigt in der  Trocknungsphase den Trägerstoff und setzt seine Reißfestigkeit herab. Man kann die Hitzezufuhr jedoch deutlich minimieren, wenn man mehrfach langsam und dünn beschichtet.

Andererseits führt eine dicke und schnelle Beschichtung bei hoher Hitzezufuhr zu einer Minimierung des Preises. Die Wassersäule im Neuzustand kann dagegen bei beiden Verfahren absolut identisch sein.

Wassersäule ist nicht gleich Wassersäule

Letztlich ist selbst das Testverfahren zur Bestimmung der Wassersäule nicht standardisiert. Während europäische Hersteller Wassersäulen prinzipiell am neuwertigen Zelt ermitteln (dürfen), sind ihre US-Konkurrenten an amerikanische Standards gebunden und geben dementsprechend nur Wassersäulen nach einer simulierten fünfjährigen Nutzung an.

Zeltpflege ist wichtig

Das Nutzerverhalten spielt übrigens auch eine maßgebliche Rolle für die Langlebigkeit jeder Beschichtung und damit der Wasserdichtheit. Hier ist mit einfachen Mitteln viel zu erreichen:

Säubern des Zeltes: Feiner Sand hat einen hervorragenden Schmirgeleffekt. Wenn er sich im Zelt zwischen Matte und Zeltboden sammelt, kann er die Beschichtung zerreiben. Vor dem Zusammenpacken, aber auch während längerer Aufbauphasen kann man den Sand aus dem Zelt herauskehren oder -schütteln und so die Beschichtung erhalten.

Schutz des Zeltes vor UV-Strahlung: Auf Touren werden Zelte meist nur nachts genutzt. UV-Strahlung spielt dann keine große Rolle. In einem Kletter-Basislager im Süden dagegen leidet das Zeltmaterial erheblich unter der täglichen UV-Bestrahlung. Hier helfen ein schattiger Stellplatz, ein Tarp oder eine Plane, die über das Zelt gespannt werden.

Lagerung des Zeltes: Unterwegs packt man schon mal ein nasses Zelt ein, um es abends wieder aufzubauen. Das macht gutes Material klaglos mit. Wieder zu Hause, sollte das Zelt  aber noch einmal ausgepackt, richtig getrocknet und von Sand befreit werden, bevor es eingelagert wird.

Fazit!

Ein Zelt muss dicht sein – da gibt es keine Diskussion. Aber nicht jeder will sich mit dem  komplexen Thema Wasserdichtheit detailliert befassen. Und nicht jeder braucht ein  absolutes Spitzenzelt, denn nur wenige Menschen strapazieren ihr Zelt wirklich extrem. Quelle: Camp4

Kategorien: Allgemein

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