Nach Südtirol zieht es mich seit ich denken kann – die Begeisterung für die Bergwelt und die unberührte Natur habe ich meinen Eltern zu verdanken. Meran und Umgebung sind für mich daher weniger ein Urlaubsort, als vielmehr eine zweite Heimat. So kam es, dass ich ohne zu Überlegen die Frage nach einer Alpenüberquerung bejahte. Für die einen eine spannende Herausforderung, für die anderen keine mögliche Option den Urlaub zu verbringen. Doch für mich bedeutet dieser Weg nicht nur Anstrengung, sondern in erster Linie eine Sammlung spannender Geschichten und unvergesslicher Momente.

Das Abenteuer beginnt am Dienstag, den 29. August. Von Meran aus fahren wir zu viert mit dem Bus zum klassischen Ausgangspunkt der Alpenüberquerung: Oberstdorf. Die Firma Prenner bietet einen Shuttle-Service und ist speziell auf die Strecke Oberstdorf-Meran ausgerichtet. Die meisten im Bus haben die Alpenüberquerung bereits hinter sich, wir vier sind die Einzigen, die die Reise noch vor sich haben. Zu beachten gilt, dass einige Bergschulen samstags, sonntags oder montags starten. Wer diesem Trubel entgehen möchte, sollte daher unter der Woche die Tour beginnen. Der Tag gilt für uns primär zur Orientierung und die geplante Strecke ist überschaubar. Daher entscheiden wir uns auf dem Weg nach Spielmannsau einen Abstecher zum Freibergsee (930 m.ü.NN) zu machen. Nach ca. 12 km kommen wir daher etwas verspätet am Hostel Spielmannsau an. Den Abend verbringen wir mit den anderen Gästen auf der Terrasse und erhalten erste Informationen über die Umgebung und das schöne Trettachtal. Die Spannung auf den kommenden und ersten richtigen Tag ist groß.

Am Mittwoch geht es dann los. In der Morgendämmerung starten wir Richtung Berg. Ziel der Etappe sollte Madau sein. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass wir zu Beginn nicht den üblichen Etappen folgen (die oftmals in Reiseführern zu finden sind), sondern unsere individuellen Strecken geplant haben. Dies macht uns unabhängiger von den Berghütten und den geführten Wandertouren. Der erste Anstieg über 857 Höhenmeter gibt ein Gefühl für die kommenden Tage. Das erste Ziel des Tages ist die Kemptner Hütte (1844 m.ü.NN). Nach einer kurzen Pause führen uns die letzten Meter in Deutschland zum Mädelejoch (1974 m.ü.NN) hoch, bevor wir Österreich erreichen und dort wieder absteigen. Die Annahme, eine Alpenüberquerung führe über die Gipfel und man müsse nicht ins Tal, ist somit früh widerlegt. Jeden Tag erklimmt man den Berg und steigt ihn sogleich wieder ab. Über die längste Seilhängebrücke Österreichs geht es nach Holzgau (1103 m.ü.NN) und von dort aus weiter nach Bach. Das letzte Stück bis nach Madau zieht sich und nach jeder Kurve wird sehnlichst das Ziel erwartet. So erreichen wir erschöpft das Berggasthaus Hermine, das uns an diesem Tag eine wunderschöne Übernachtungsmöglichkeit bietet. Auf der Terrasse hat man einen Ausblick über die Berge, die Wäsche der Wanderer flattert im Wind und bei Sonnenuntergang schmeckt das wohlverdiente Bier gleich doppelt so gut. Nach diesem Tag können wir 1231 Höhenmeter hoch und 908 Höhenmeter runter in unserem Reisetagebuch verzeichnen.

Donnerstag geht es gleich nach dem Frühstück um 7 Uhr weiter. Die bevorstehende Etappe wird in vielen Büchern und Foren heiß diskutiert und der Abstieg nach Zams scheint eine Herausforderung zu werden. Doch erst einmal gilt es wieder den nächsten Berg zu erklimmen. Nach kurzer Zeit erreichen wir die Materialseilbahn der Memminger Hütte. Mithilfe eines Kurbel-Telefons kann man den Hüttenwirt anrufen und nachfragen, ob die Rücksäcke über diese Seilbahn nach oben transportiert werden können. Gegen eine Gebühr ist dies normalerweise kein Problem. Ohne schweres Gepäck überqueren wir also den Parseierbach und machen uns an den Aufstieg. 932 Höhenmeter später erreichten wir dann die Memminger Hütte (2242 m.ü.NN) bei strahlendem Sonnenschein. Nachdem wir unsere Rucksäcke wieder abgeholt haben, geht es weiter – der Tag sollte noch lang werden. Vorbei an den drei Seewiseen geht es hinauf zur Seescharte (2599 m.ü.NN). Der Weg wird hier ausgesetzter und ist teilweise mit Ketten gesichert. Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sind an dieser Stelle vorteilhaft. Hinter dem Übergang, der laut Wissenschaftlern bereits von Steinzeitmenschen genutzt wurde, eröffnet sich der legendäre Abstieg nach Zams. Knapp 2000 Höhenmeter geht es wieder hinab, zuerst steil, dann gemächlich führt uns der Weg immer weiter ins Zamser Loch – unser Ziel für den heutigen Tag. Wir addieren 1289 Höhenmeter hoch und 1824 Meter runter zur Rechnung.

Der dritte Tag startet anders als die bisherigen, denn es regnet. Die Wolken hängen tief und die Berggipfel können nur erahnt werden. Dank der Venetbahn meistern wir die ersten Höhenmeter des Tages in wenigen Minuten, doch auf dem Krahberg angekommen, zeigt sich: Heute wird es nass und kalt. Einheimische berichten von erwarteten 20cm Neuschnee auf den Bergen. Wir entscheiden uns daher für den kurzen „Schlechtwetter-Panoramaweg“, statt dem üblichen E5. Über die Larcher Alm erreichen wir nach einiger Zeit Wenns (982 m.ü.NN) und wärmen uns im Dorf mit Kaffee und Kuchen. Da weiterhin Schnee angesagt ist, rufen wir zur Sicherheit bei der Braunschweiger Hütte an und fragen nach den Wetterbedingungen: Noch ist alles frei. Wir entscheiden uns daher für den Aufstieg. Schnell merken wir, dass wir relativ alleine auf dem Weg sind. Viele scheinen sich von der Wettervorhersage abhalten zu lassen, den Bus ins nächste Dorf zu nehmen oder einen Tag zu warten. Nach dem Aufstieg über 1776 Höhenmetern erreichen wir daher eine recht leere Braunschweiger Hütte. Das Bettenlager teilen wir uns lediglich mit zwei Männern. Etwa die Hälfte sei nicht angekommen, so der Hüttenwirt. Die Hütte ist sehr modern, sauber und bietet einen gemütlichen Ess- und Aufenthaltsraum, in dem wir am Abend mit unseren Zimmergenossen über die kommenden Tage sprechen. Es bleibt die Spannung, ob es über Nacht schneien wird – dann könnte die anstehende Etappe über das Pitztaler Jöchl riskant werden. Der heutige Tag schenkte uns weitere 1311 Höhenmeter Aufstieg und 1515 Meter Abstieg.

Wie die Reise weitergeht, werde ich in Teil 2 berichten. Bei Fragen oder Anmerkungen könnt ihr mir gerne bei Instagram (19kathrin90) oder unter 19kathrin90@web.de schreiben. Ich freue mich, Kathrin ?

 


8 Kommentare

Adrian Schulz · 2017-10-08 um 17:24

Der Bericht gefällt mir sehr gut. ? Besonders gefallen hat mir dass ihr eine Strecke genommen habt die nicht so verbreitet ist. Freue mich schon auf den zweiten Teil!

    Kathrin · 2017-10-14 um 21:00

    Hey Adrian, herzlichen Dank für deinen Kommentar! Feedback freut mich immer sehr 🙂

Arnold · 2017-10-08 um 14:40

Spannender Bericht.?Während des Lesens hat man das Gefühl dabei gewesen zu sein. Glückwunsch meinerseits.

Daniel Bulla · 2017-10-08 um 13:42

Kann mich meinen Vorrednern nur anschließen: Sehr interessanter und gelungener Wanderbericht! (y) Macht Lust, es selbst einmal auszuprobieren. 🙂

Ella · 2017-10-08 um 13:31

Super toller Bericht. Spannend zu lesen. Gefällt mir, bin gespannt auf Teil 2.

Uli · 2017-10-08 um 11:22

Schöner Bericht, da ist man ja traurig das man nicht dabei war 😉

Daniel · 2017-10-08 um 11:01

Toller Bericht, ich freue mich schon auf Teil 2 🙂

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